B.A.S.E.® Film im ZDF

vom 24.10.2020 um 17.35 Uhr

B.A.S.E.®-Babywatching

erster Artikel vom 19.08.2016

B.A.S.E.®-Babywatching: "Babywatching für Demenzkranke im Osnabrücker Hermann-Bonnus-Haus"

Osnabrück. Wenn Thees in das Osnabrücker Hermann-Bonnus-Haus kommt, dann geht den Bewohnern des Seniorenheims das Herz auf. Der sieben Monate alte Junge steht im Zentrum des sogenannten „Babywatchings“, das die Erinnerungsfähigkeit von Demenzkranken stärken soll. Thees gluckst fröhlich, als er mit seiner Mutter Anja Moormann den Gruppenraum im Osnabrücker Hermann-Bonnus-Haus betritt. Fünf Bewohner des Seniorenheims haben den kleinen Jungen schon sehnsüchtig erwartet: Ihre Augen leuchten auf, sie lachen und winken, als Thees und seine Mutter sich auf die gelbe Decke in der Mitte des Raums setzen. „Hallo Thees“, sagen die Frauen entzückt. „Jetzt guck dir mal alle an“, fordert Anja Moormann ihren Sohn auf, und tatsächlich: Mit seinen großen Kulleraugen betrachtet der sieben Monate alte Junge der Reihe nach alle Anwesenden.

Bundesweit erstmalig

Ein Baby im Altersheim? Im Hermann-Bonnus-Haus ist dies nichts Ungewöhnliches. Die Einrichtung nimmt als bundesweit erste an einem Pilotprojekt teil, im Rahmen dessen demenzkranke Senioren die Interaktion zwischen einem Baby und seiner Mutter beziehungsweise seinem Vater beobachten. B.A.S.E.®-Babywatching heißt die Methode, die von dem Münchener Bindungsforscher Karl Heinz Brisch entwickelt wurde. B.A.S.E.® steht für „Baby-Beobachtung im Kindergarten gegen Aggression und Angst zur Förderung von Sensitivität und Empathie“. Brisch hat die Methode ursprünglich entwickelt, um Empathie bei Kindergarten- und Schulkindern zu fördern. Dass das Babywatching nun auch mit Senioren durchgeführt wird, ist Thees‘ Vater Christoph Moormann zu verdanken. Als der Seelsorger und B.A.S.E.®-Trainer erfuhr, dass Brisch seine Methode gerne einmal in einem Altersheim anwenden würde, griff er die Idee auf und kontaktierte Gerontologin Johanna Pohl, die Verbindung zum Hermann-Bonnus-Haus aufnahm.

Erinnerungen ans Elternsein

Thees ist bereits das dritte Baby, das das Altersheim besucht. Seit April kommt er jeden Mittwoch in das Haus – insgesamt ein Jahr lang. Die Senioren schauen zu, wie er mit seiner Mutter schmust oder mit einer Box Taschentücher spielt. Pohl stellt derweil Fragen, die den Teilnehmern helfen sollen, sich in das Baby hineinzuversetzen, etwa Thees sein Schnullerband inspiziert: „Warum macht er das?“ „Das macht ihm Spaß!“, ruft eine Bewohnerin. Der Besuch des kleinen Jungen soll aber nicht nur die Empathiefähigkeit der Teilnehmer fördern, sondern auch beim Erinnern helfen. „Gefühle kennen keine Demenz“, erklärt Christoph Moormann. Durch Thees‘ Anblick kommen oftmals elterliche Gefühle hoch und die Senioren erinnern sich, wie es war, als ihre Kinder klein waren. Eine ältere Dame etwa ist sich nicht mehr ganz sicher, wie viele Kinder sie hat, aber sie weiß, dass alle so gerne nach umliegenden Sachen gegriffen haben wie Thees.

Positive Effekte

Seit zweieinhalb Jahren läuft das Projekt, das inzwischen auch im Osnabrücker Paulusheim sowie einem Heim am Niederrhein durchgeführt wird. „Und es stehen noch ganz viele andere in den Startlöchern“, erklärt Christoph Moormann. Erste Auswertungen zeigen, dass das Babywatching einen ähnlichen Effekt auf Senioren wie auf Kinder und Jugendliche hat: Die kognitive Leistungsfähigkeit verbessert sich, Angst nimmt ab, das Wohlgefühl steigt. „Es eine große Freude, die da transportiert wird“, so Moormann.

Baby bleibt in Erinnerung

Das erstaunlichste ist aber vielleicht, wie präsent die Kinder im Alltag der Senioren sind. So fragen die Bewohner immer noch nach David, dem ersten Projektbaby, obwohl er seit neun Monaten nicht mehr in das Heim kommt. „Sie wissen ganz vieles nicht mehr, daher ist es erstaunlich, dass sie sich so aktiv an das Baby erinnern“, meint Pohl. Eine Bewohnerin, die kaum spricht und bestenfalls mit „Ja“ und „Nein“ antwortet, blüht regelrecht auf, sobald Thees‘ Besuch bevorsteht: „Das ist ein „Hallo-Wach“-Moment, der den ganzen Tag anhält, wie eine Droge“, erklärt Betreuerin Manuela Ziegler, die die Gruppe gemeinsam mit Pohl leitet. Auch andere Teilnehmer würden bereits am Mittwochmorgen fragen: „Gehen wir heute zu dem Kind?“ „Die Leute wissen nicht mehr, wo der Frühstücksraum ist, aber sie wissen, dass Thees kommt“, berichtet Christoph Moormann.

Thees genießt die Aufmerksamkeit

Aber auch die Betreuer sind fasziniert von dem Projekt. Immer wieder schaut mal einer durch die Tür, um zu sehen, was Thees so treibt. „Uns geht hier allen das Herz auf“, meint Dreier lachend. Und auch für Thees selbst ist das Babywatching eine tolle Sache, erklärt seine Mutter Anja: „Es ist schön für ihn, in so freundliche Gesichter zu schauen. Das sind 20 Minuten, die nur ihm gehören, das genießt er total.“

(Quelle: Neue OZ, Neue Osnabrücker Zeitung, ein Artikel von Danica Pieper, Fotos Danica Pieper, vom 18.08.2016)

B.A.S.E.®-Babywatching

zweiter Artikel vom 05.12.2016

Reportage im Deutschlandradio Kultur: Kinderglucksen gegen das Vergessen

Mit Babys gegen das Vergessen: Jeden Montag ist im Seniorenheim in Voerde die neun Monate alte Luise zu Besuch. Sie soll die Damen dort an ihre eigenen Kinder erinnern - und so dabei helfen, dass ihnen die Gegenwart nicht entgleitet.

"Hallo Luise, wir winken Dir zu …"

Wenn Verena Scholten mit ihrer neun Monate alten Tochter Luise den Raum betritt, wird das Baby mit einem Willkommenslied begrüßt. Die sieben Damen im Alter zwischen 76 und 96 Jahren warten schon sehnsüchtig auf ihren Sonnenschein.

"Guten Morgen Luise!"

Luise strahlt mit großen Augen in die Runde. Sie fühlt sich offenbar sehr wohl im Mittelpunkt. In der nun folgenden halben Stunde schauen die Seniorinnen Luise beim spielen mit ihrer Mama zu. Das Baby sitzt auf einer himmelblauen Decke, spricht Herz und Seele der Damen an, die drumherum auf Stühlen Platz genommen haben. Luise spielt mit Förmchen, klatscht in die Hände zieht sich an den Stuhlbeinen hoch.

"Fein machst Du das."

"Luise macht Musik."

Seit einem guten halben Jahr ist Baby Luise jeden Montagmorgen zu Gast im Seniorenheim. Für die Damen, die alle leicht dement sind, ein wunderbarer Termin. Denn die Beobachtung des kleinen Mädchens weckt positive Gefühle. Und die Seniorinnen fragen auch bei der Mutter nach:

"Wie macht se sich denn beim Schwimmen jetzt, wird dat immer besser?"

"Ja, Schwimmkurs hat se jetzt fertig den ersten, aber Luise klettert auch schon auf so Matten auf'm Wasser und damit se keine Angst vorm Schwimmen hat, doch, das macht sie sehr gut."

 

Das Gedächtnis wird angeregt 

Unterstützt wird die Gruppe von Gesprächsleiter Willi Schoelen. Der katholische Priester ist seit einigen Jahren im Ruhestand und hat große Freude an der Arbeit mit den älteren Damen. Zwischendurch streut Schoelen immer mal Fragen zu Luise ein:

"Stellen Sie schon mal fest, was jetzt anders geworden ist?"

"Ja, Haare, viel mehr Haare."

"Sie hat dicke Bäckchen gekriegt."

"Und so schön rosig, nicht."

Dadurch wird das Gedächtnis der dementen Frauen angeregt. Und das Beobachten von Luise setzt noch etwas anderes in Gang: Die Frauen erinnern sich an ihre eigene Kindheit und an ihr Elternsein.
 

(Quelle: Deutschland Radio Kultur, vom 05.12.16, von Thomas Kalus) 

B.A.S.E.®-Babywatching

dritter Artikel vom 18.04.2016

Projekt im Altersheim: Babywatching gegen Demenz

Kann das Beobachten von Babys den Krankheitsverlauf bei Demenzpatienten verlangsamen? Ein Osnabrücker Altersheim ist jetzt Vorreiter mit einem vielversprechenden Pilotprojekt.

Baby Thees bringt die Erinnerung zurück

von Britta Nareyka
Sechs Senioren sitzen im Halbkreis in der Kapelle des Hermann-Bonnus-Hauses, einer Altenpflegeeinrichtung in Osnabrück. Vor ihnen liegen zwei Isomatten, auf denen eine gelbe Wolldecke ausgebreitet ist. Die Damen und Herren haben die 70 Jahre längst überschritten und sind an Demenz erkrankt. Heute bekommen sie besonderen Besuch. Alle sind aufgeregt und etwas nervös. Denn noch weiß niemand so ganz genau, was gleich passieren wird, auch wenn Betreuerin Manuela Ziegler sie seit Wochen auf diesen Besuch vorbereitet hat. Dann wird es spannend: Die Tür geht auf, und herein kommen der elf Wochen alte Thees und seine Mutter Anja Moormann. Die meisten der Senioren sind auf Anhieb fasziniert. Auf dem einen oder anderen Gesicht zeigt sich eine erste Regung: ein schüchternes Lächeln, glänzende Augen. So ein Baby, das zieht die Aufmerksamkeit sofort auf sich und sorgt für eine besondere Stimmung im Raum.

"Babywatching" zur Förderung der Empathie

"Babywatching" nennt sich dieses Pilotprojekt, das in Osnabrück bundesweit erstmalig auch im Altersheim bei Demenzkranken eingesetzt wird. Bei Kindern hat es schon erste Erfolge gezeigt: Das Beobachten von Babys im Umgang mit der Mutter wird in Schulen und Kindergärten schon seit einigen Jahren zur Förderung von Empathie eingesetzt. Die Kinder sollen dabei lernen, Gefühle zu beschreiben, um achtsamer zu werden, auch im Umgang mit anderen.

Positive Effekte

Dass die Methode nun auch im Altersheim angewendet wird, daran hat der Vater des kleinen Thees großen Anteil. Christoph Moormann, Theologe und "Babywatching"-Trainer, hat dabei eng mit dem Erfinder der Methode, dem Münchner Uni-Professor Karl Heinz Brisch, zusammengearbeitet. Im Hermann-Bonnus-Haus in Osnabrück mussten die beiden keine große Überzeugungsarbeit leisten. "Wir probieren das einfach mal aus", dachte sich Eckhard Mönkehof, der Leiter der Einrichtung. Und tatsächlich: Schon die erste Testrunde zeigte positive Effekte. "Unsere Senioren sind ganz begeistert von den Baby-Besuchen. Wir konnten schon in der Testphase erstaunliche Momente beobachten", so Mönkehof. Darum werde das Projekt nun auch weiter ausgebaut: mit einer neuen Senioren-Gruppe und Baby Thees. Aber nicht nur in Osnabrück, auch in anderen Teilen Deutschlands gebe es bereits ein steigendes Interesse an dem Projekt, berichtet Christoph Moormann.

"Das Eis ist gebrochen"

Die sechs Teilnehmer reagieren bei der "Babywatching"-Premiere zunächst noch etwas zurückhaltend. Sie beobachten den aufgeweckten Säugling zwar neugierig, halten sich aber mit Kommentaren zurück. Mit dabei ist neben Betreuerin Manuela Ziegler auch die Gerontologin Johanna Pohl, die in der Runde die Rolle der Moderatorin einnimmt. "Frau Michalski, was meinen Sie denn? Wie fühlt sich das Baby auf dem Arm der Mutter?", fragt die Trainerin, um die Teilnehmer einzubinden. "Ich denke, gut", sagt die Seniorin. Bei der 93-Jährigen ist damit das Eis gebrochen. Denn schon wenige Minuten später berichtet die ältere Dame von ihren eigenen Erfahrungen. "Ich habe mit 40 mein erstes Kind bekommen. Sehr spät", berichtet sie der Runde.

"Demenz soll für kurzen Zeitraum gestoppt werden"

Baby Thees soll positive Gefühle in den dementen Senioren wecken, die wiederum alte Erinnerungen hervorrufen sollen. Auch die Kommunikations- und Ausdrucksfähigkeit soll gefördert werden, sodass insgesamt die Steigerung der Lebensqualität im Mittelpunkt steht. "Wir wollen den dementen Menschen positive Erlebnisse bereiten - schon für den einzelnen Moment. Schon das ist ein Gewinn", berichtet "Babywatching"-Trainer Moormann. Es gehe darum, die Demenz für gewisse Zeitspannen zu stoppen. Die einzelnen Ergebnisse jeder Sitzung werden hinterher genau dokumentiert. "Wir wollen die Wirkung genauer erforschen, über mehrere Jahre. Noch stehen wir ganz am Anfang. Aber es ist auf jeden Fall eine spannende Sache, vor allem, weil ja schon jetzt positive Effekte sichtbar sind."

Baby Thees kommt jetzt jede Woche

Die Senioren haben Baby Thees schon beim ersten Besuch ins Herz geschlossen. "Ich bin ganz begeistert, wie gut das geklappt hat", sagt Betreuerin Manuela Ziegler über ihre Truppe. "Viele haben sich sogar aktiv beteiligt und von eigenen Erlebnissen berichtet. Das hätte ich so nie erwartet." Je nach Stand und Art der Demenz reagieren die Senioren alle unterschiedlich auf den Säugling. "Auch, wenn sich nicht alle geäußert haben: Wahrgenommen haben sie das Baby auf jeden Fall, da bin ich mir sicher", so Ziegler. Nach einer guten halben Stunde heißt es dann: Abschied nehmen. Doch nur für eine Woche, denn ab sofort kommen Baby Thees und seine Mutter Anja jeden Mittwoch zum Babywatching ins Hermann-Bonnus-Haus.  >> mehr Infos

Bei  Fragen zum Projekt B.A.S.E.®-Babywatching im Seniorenheim wenden Sie sich bitte an:

Kontakt:
Christoph Moormann
Mobil: 0178/ 720 49 82
E-Mail: cmoormann(at)web.de

B.A.S.E.®-Babywatching

vierter Artikel vom 27.05.2015

Pilotprojekt: Marienschule erste deutsche B.A.S.E.® - Ausbildungsschule

Als bundesweit erste Schule haben sich die beruflichen Zweige der Limburger Marienschule zu einer B.A.S.E.®-Einrichtung qualifiziert. Ein Jahr lang haben die Lehrkräfte an Fortbildungen teilgenommen, um mithilfe der Beobachtung von Kleinkindern Wege gegen Aggression und Angst zu entwickeln. Das Besondere an dem Pilotprojekt: Lehrkräfte und Schülerschaft wurden parallel qualifiziert, so dass im Rahmen einer Feierstunde nicht nur 17 Lehrkräfte ihr Zertifikat überreicht bekamen, sondern mehr als 100 Schüler und Studierende zukünftig ebenfalls als B.A.S.E.®-Gruppenleiter in Kindertagesstätten und anderen Betreuungseinrichtungen arbeiten können.

Die Aula der Marienschule ist an diesem Morgen bis auf den letzten Platz gefüllt. Die angehenden Heilpädagogen, Heilerziehungspfleger, Erzieher und Sozialassistenten der beruflichen Zweige der Marienschule haben eines gemeinsam – sie alle haben im zu Ende gehenden Schuljahr mit ihren Lehrekräften an einem einmaligen schulischen Pilotprojekt teilgenommen: B.A.S.E.® Die Abkürzung steht für „Baby-Beobachtung im Kindergarten und in der Schule gegen Aggression und Angst zur Förderung von Sensitivität und Empathie". Basierend auf den Studien des amerikanischen Aggressionsforschers Henri Parsens, dass besonders Kinder, die in ihrer frühen Kindheit massiv auf Zurückweisung, Missachtung sowie mangelhaftes Einfühlungsvermögen gestoßen sind, zu Gewalt und Aggression neigen, hat der Münchner Bindungsforscher und Kinderarzt PD Dr. Karl Heinz Brisch das schulische Pilotprojekt B.A.S.E.® ins Leben gerufen. Ziel des Projektes soll sein, die Empathiefähigkeit von Kindern zu fördern. Ein Jahr lang beobachteten Schüler und Studierenden der beruflichen Zweige einmal wöchentlich Babys, reflektierten das Verhalten der Säuglinge im Unterricht und diskutierten grundlegende Fragen der sozialen Interaktion. Wie verhalten sich Mutter und Säugling zueinander? Was möchte das Baby? Wie reagieren die Kleinen in verschiedenen Situationen? Warum verhält sich der Säugling so? Was für Außenstehende unscheinbar und einfach aussieht, hat einen anspruchsvollen wissenschaftlichen Hintergrund.
„Das Projekt setzt wirkungsvoll und vor allem grundsätzlich an", betonte Schulleiterin Dr. Henrike Zilling und erzählte begeistert, wieviel Energie und Herzblut in dem Projekt stecke. Die Marienschule ist bundesweit die erste Schule, die an dem B.A.S.E.®-Projekt teilgenommen habe – und das Ergebnis ist überragend. Siebzehn Lehrkräfte haben sich zu B.A.S.E.®-Mentoren ausbilden lassen – über Hundert Schülerinnen und Schüler sind jetzt qualifizierte B.A.S.E.®-Gruppenleiter.

Diplomsozialarbeiterin und B.A.S.E.®-Trainerin Gabriele Huth-Schneider hat das Projekt ein Jahr lang an der Marienschule begleitet und zeigte sich glücklich, den Teilnehmern die Zertifikate überreichen zu dürfen. In den vergangenen Monaten hätten die Schüler und Studierenden wertvolle Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen gemacht und seien an ihren Erfahrungen gewachsen. „Empathie ist kognitiv mitfühlen zu können und sich nicht nur affektiv einzufühlen", erklärte Gabriele Huth-Schneider. Genau das hätten die Teilnehmer im vergangen Jahr gelernt. Das Engagement und die Empathie, die sie in der Schule beobachten konnte, seien außerordentlich gewesen. Auch PD Dr. med. Karl Heinz Brisch würdigte in einem Grußwort die großartige Bereitschaft der Lehrkräfte und der Schülerschaft, an dem Pilotprojekt teilzunehmen. Die umfassende Beteiligung unterstreiche die Bedeutung des Projekts und lasse ihn zuversichtlich die Zukunft blicken.

„Ich bin stolz auf unsere Schülerinnen und Schüler, die in den vergangenen Monaten so viele tolle Erfahrungen sammeln konnten", sagte Dr. Henrike Zilling und verkündete, dass B.A.S.E. auch in den kommenden Jahren in der Marienschule eine Zukunft habe und als integrativer Bestandteil in die Ausbildung aufgenommen werde. (Lea Velthuysen/ Fd)

(Quelle: Marienschule- Limburg.de)

B.A.S.E.®-Babywatching

Fünfter Artikel vom 20.05.2015

SZ-Online: «Babywatching» stärkt Empathie und Sprache von Kindern

Frankfurt/München (dpa) - Wenn Kinder Mütter im Umgang mit ihren Babys beobachten, stärkt dies laut einer Studie ihre Entwicklung auf mehreren Ebenen. Die Empathie-Fähigkeit der Kinder habe sich im Gegensatz zu Gleichaltrigen deutlich verbessert, sagte der Münchener Kinderpsychiater und Psychoanalytiker Karl Heinz Brisch der Deutschen Presse-Agentur.

Auch die Sprachentwicklung sei besser geworden. Aggressionen und Angststörungen hätten abgenommen. Zudem sei die Feinfühligkeit der Mütter, die sich mit ihren Babys beobachten ließen, gewachsen.

Das ist das Ergebnis einer zweijährigen Untersuchung mit Drei- bis Elfjährigen in Frankfurt zum sogenannten Babywatching. 46 Kindergarten- und Hortkinder haben dabei den Umgang von zehn Müttern mit ihren Babys beobachtet und dazu Fragen von Fachkräften beantwortet. Nach Angaben der Stadt nahmen insgesamt 33 Gruppen teil, 64 pädagogische Fachkräfte wurden ausgebildet.

Die Frankfurter Psychoanalytikerin und Kinderärztin Angela Köhler-Weisker hält die Ergebnisse für einleuchtend und das Projekt für eine "sehr gute Idee". Viele Einzelkinder hätten nur selten die Gelegenheit, Mütter mit Babys zu beobachten, sagte die Leiterin der Babyambulanz des Anna-Freud-Instituts.

"Wir stellen immer mehr fest, dass Kinder sich nicht mehr ausreichend in andere einfühlen können", sagte Brisch, leitender Oberarzt an der Kinder- und Poliklinik der Ludwig-Maximilian-Universität München. Dies werde sich voraussichtlich in den nächsten Jahren noch verschlechtern. "Da kommt eine Lawine auf uns zu."

Gründe seien große Krippen- und Kita-Gruppen, gewachsene Ansprüche, mehr Aufgaben für die Erzieher und viele Kinder mit Sprachproblemen. Viele Kinder würden auch schon wenige Wochen nach der Geburt in Krippen mit zu wenigen Erziehern betreut.

Empathie sei "etwas menschlich sehr Notwendiges, sonst können wir keine dauerhaften, befriedigenden Beziehungen eingehen, weder mit Freunden und Partnern, noch später mit Kindern", sagte Brisch. Normalerweise lernten Kinder Empathie bei ihren Eltern und in guten Bindungsbeziehungen. Ansonsten drohten "große Schwierigkeiten in der Schule und mit ihren Klassenkameraden und überall".

Untersuchungen in Österreich mit 250 Grundschulkindern und in Kindergruppen in München hätten zu den gleichen Ergebnissen geführt, sagte Brisch. Er ist nach eigenen Angaben der Erfinder des Projekts, das bereits in England, Holland, Neuseeland und Israel angewandt werde. Die Marienschule im hessischen Limburg habe es in ihre Ausbildung für Erzieher aufgenommen. Auch in München und Frankfurt solle es fortgesetzt werden.

(Quelle: Sueddeutsche.de/News/Leben/Gesellschaft, vom 20.05.2015)

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Sechster Artikel vom 14.05.2013

Ein Baby als Lehrer für die großen Jungs

Präventionsprojekt B.A.S.E.® in der Janusz-Korzcak-Schule, Ibbenbühren Ibbenbüren. "Ist Fido wieder gesund?", fragt Lukas und läuft neben der jungen Mutter Tanja her, die den elf Monate alten Jungen auf dem Arm über den Schulhof trägt. Klar ist er das, wenn er die Klasse 5 der Janusz-Korzcak-Schule in Ibbenbüren besuchen kommt.

Ibbenbüren. "Ist Fido wieder gesund?", fragt Lukas und läuft neben der jungen Mutter Tanja her, die den elf Monate alten Jungen auf dem Arm über den Schulhof trägt. Klar ist er das, wenn er die Klasse 5 der Janusz-Korzcak-Schule in Ibbenbüren besuchen kommt.

"Psst  … Baby is watching you", steht auf dem dreieckigen Schild an der Klassentür. Dahinter bereiten sich die zwölf Jungen schon auf den Besuch vor: Sie bauen einen Stuhlkreis auf und rollen einen Teppich in der Mitte aus. Vorn, neben der Tafel, hängen ein Steckbrief von Fido und viele Fotos. Außerdem haben sich die Schüler mit den verschiedenen Entwicklungsstadien eines Babys beschäftigt und Plakate erstellt, die den Raum schmücken.

Als Tanja und Fido die Klasse betreten, ist Marius noch dabei, ein buntes Mobile an der Zimmerdecke zu befestigen: damit Fido auch etwas zum Spielen und Gucken hat.

Fido und seine Mutter besuchen seit einem halben Jahr jede Woche die Schüler der Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung. Das Projekt nennt sich "Babywatching" und wurde vom Stadtschulseelsorger Christoph Moormann an die Schule gebracht. Tatkräftige Unterstützung erhielt er dabei von Referendarin Annika Vossiek und Lehrerin Michaela Berger.

Fido hat es sich inzwischen auf dem Teppich bequem gemacht. Interessiert zieht er sich an der Mama hoch und betrachtet die kleinen Vögelchen am Mobile. Die Jungen im Kreis beobachten den Kleinen dabei. "Einige der Schüler leben in Wohngruppen oder in Pflegefamilien", erzählt Annika Vossiek. "Diese enge Bindung, die sie nun zwischen Mutter und Kind erleben können, ist für manche Schüler eine neue Erfahrung", ergänzt Schulseelsorger Moormann.

Das Präventionsprojekt "B.A.S.E.®-Babywatching" ("Baby-Beobachtung im Kindergarten und in der Schule gegen Aggression und Angst zur Förderung von Feinfühligkeit und Empathie") wurde vom Münchener Bindungsforscher Karl Heinz Brisch entwickelt.

Die Kinder und Jugendlichen trainieren am Beispiel von Tanja und Fido, genau zu beobachten, was das Baby macht, was es möchte, woran man das erkennen kann und wie die Mutter reagiert. Laut Studien wird durch das Beobachten, das Einfühlen in die Mutter und das Baby auch die Empathie anderen Menschen gegenüber bei den Schülern gefördert.

"Was hat sich verändert, seit ihr Fido vor zwei Wochen das letzte Mal gesehen habt?", fragt Moormann in die Runde.  Fido läuft mit seinem Plüschfußball im Kreis. Natürlich hält er sich dabei gut an seiner Mama fest. "Er ist gewachsen und hat auch viel mehr Haare bekommen", meint Dennis. "Er kann sich jetzt an Tanja hochziehen und schon besser laufen", erklärt Oliver.  Durch gezielte Fragen werden die Jungen angeleitet, die Beziehung zwischen Mutter und Kind zu betrachten.

Ein Lächeln zeigt sich auf den Gesichtern der "großen Jungs", wenn Fido zu ihnen kommt. "Das 'Babywatching' schafft für die Schüler einen geeigneten Rahmen, in dem sie ihre Gefühle zeigen dürfen. Das schafft der kleine Fido", sagt Moormann. "Fido weiß, dass Tanja auf ihn aufpasst und sich um ihn kümmert. Deshalb greift er immer wieder ihre Hand", beobachtet ein Schüler.

Seit Fido und Tanja die Fünftklässler besuchen, hat sich einiges verändert: "Wenn Fido hier ist, herrscht eine ganz andere Stimmung in der Klasse. Die Schüler gehen rücksichtsvoller miteinander um", sagt Annika Vossiek. "Fido ist ein bisschen wie der Lehrer für die Großen: Er zeigt seine Bedürfnisse. Dieses Sehen und Mitfühlen verändert die Klasse", sagt Christoph Moormann.

Nach gut 20 Minuten verlassen Fido und Tanja den Raum wieder. "Tschüss, Fido! Bis zum nächsten Mal", schallt es ihnen hinterher. Die Schüler setzen sich nun an ihre Tagebücher. Sie sollen festhalten, was sie in der Schulstunde erlebt haben, was Fido und Tanja gemacht haben und warum.

Draußen zieht Tanja ihrem Kind die Jacke an. "Ich finde das Projekt ganz toll", sagt sie. Anfangs seien die Jungen sehr verhalten gewesen. Doch jetzt seien sie glücklich, wenn Fido da ist. "Mich selbst berührt es immer sehr, wenn wir in die Klasse kommen." Sie erinnert sich noch an die Woche, als Fido krank war und die Schüler ihm Bilder gemalt und nach Hause geschickt haben.

In diesen Tagen treffen sich Fido und "die großen Jungs" zum letzten Mal. "Der Kleine kann jetzt schon fast laufen und nimmt Kontakt zur Gruppe auf", erklärt Moormann. "Da es um die Beziehung zwischen Mutter und Kind geht, ist nun der Zeitpunkt gekommen, aufzuhören." Zum Abschied bekommen alle ein schönes Foto zur Erinnerung an ihre Zeit mit dem kleinen Fido.

Doch das Präventionsprojekt "Babywatching" geht weiter: Nun besucht der kleine Liam mit seiner Mutter die Klasse 8 der Hellen-Keller-Schule in Ibbenbüren.