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ab 11.10.2016

Radiobeitrag zum Nachhören, WDR 5: "Verbundenheit: Ein Wunsch, der lebenslang bleibt"

Verbundenheit ist eine sinnstiftende Kraft. Förderlich dafür: Liebe und Mitgefühl entwickeln, Momente der Rührung auskosten, kreativ sein, Dankbarkeit kultivieren. Und: Gemeinschaft. Experten befürworten all das.


WDR 5, Radiosendung vom 10.10.2016, 10:05 Uhr, im Rahmen von:

Was ist schon normal? - Thementag über seelische Gesundheit

Es gibt Momente, in denen sich unverhofft eine innere Tiefe und Verbundenheit offenbart. Selbstvergessen lauscht man dem Gesang eines Vogels, geht auf in einer wunderschönen Musik oder ist in eine inspirierende Arbeit versunken. Raum und Zeit spielen irgendwie keine Rolle mehr. Die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen vielleicht sogar. Es ist das wohltuende und Gefühl, im Einklang mit sich und der Welt zu sein. Peter Bergholz, Körpertherapeut sagt: "Freude, das ist dieser Zustand des inneren Einklangs. Ich bin eins mit mir. Ich denke und fühle in eine Richtung. Es ist kein Widerstand in mir. Ich fühle mich verbunden mit dem Menschen, mit dem ich gerade zu tun habe oder mit der Natur, mit der Welt, in der ich mich gerade bewege."

Und Marita von Berghes, Psychotherapeutin und Sehlehrerin, erzählt: "Ich hatte ein Erlebnis als Jugendliche. Da hab' ich versucht, mein Zimmer neu zu gestalten. Durch die Art der Beschäftigung mit meinen Stoffen, Möbeln und Bildern hatte ich einen Zustand, der sich himmlisch anfühlte. Ich hab' häufig noch mal versucht, diesen Zustand herzustellen durch aufräumen oder neu gestalten. Ich hab es nie wieder so erlebt."

"Traurig macht ja die Isolation"

Liebe, Zärtlichkeit oder Mitgefühl sind Worte, die Verbundenheit ausdrücken. Die Welt ist ein lebendiges Netz, in dem alles miteinander verbunden und wechselseitig abhängig ist. Wir atmen die gleiche Luft ein und aus wie alle anderen auch. Bäume und Wälder machen es möglich, dass wir atmen können, indem sie die verbrauchte Luft in Sauerstoff umwandeln. Und ohne die Fürsorge eines anderen ist der Mensch nicht überlebensfähig. Marita von Berghes: "Traurig macht ja die Isolation. Wir denken, wir sind isoliert, wir können gar nicht isoliert sein. Wir trinken Wasser, das alle schon mal gehabt haben. Die Luft. Wir fassen vieles an, was schon viele angefasst haben. Die Energie aus meinen Augen geht in die Augen der anderen, und ich krieg's von anderen. Ich sitze auf den Stühlen, auf denen so viele gesessen haben. Ich kriege die Aura, die Atmosphäre mit."

Warmes und wohliges Gefühl

Verbundenheit kann sich in kleinen Gesten des Alltags zeigen. In spontaner Mitfreude, einem Lächeln, einer tröstenden Berührung, einem mitfühlenden Blick oder in tatkräftiger Unterstützung. Verbundenheit wird meist als ein warmes und wohliges Gefühl empfunden. Etwas, was Kraft gibt und Halt. Sie schenkt emotionale Sicherheit, so die Philosophin Katharina Ceming: "Ein tiefes echtes Gefühl von Verbundenheit, wie man es zum Beispiel in der Partnerschaft oder in der Freundschaft erleben kann, ist etwas ganz Fundamentales. Miteinander im Leben irgendetwas gestalten zu können. Und nicht nur gestalten zu können, sondern auch dass ich mich öffnen kann, dass es einen Raum gibt, wo ich einfach offen sein kann, weil ich auch getragen werde, mich verbunden fühle mit anderen Menschen, was Sicherheit gibt und nach außen ausstrahlt."

Wir alle waren neun Monate lang eng verbunden
Jeder Mensch hat vor der Geburt zwei Grunderfahrungen gemacht, die tief im Gehirn verankert seien, erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther. So sei jede und jeder neun Monate lang auf unvorstellbar enge Weise mit einem anderen Menschen, der Mutter, verbunden gewesen. Und jedes Kind sei im Mutterleib jeden Tag ein Stück mehr über sich hinaus gewachsen, körperlich, seelisch und geistig: "Das geht nicht wieder weg", sagt Hüther. "Und wenn man dann auf die Welt kommt und plötzlich aus dieser Verbundenheit herausfällt, ist klar, dann hat man die Erwartungshaltung, die Hoffnung, dass man wieder in Verbindung kommt. Und das bleibt dann zeitlebens eine Sehnsucht, dass man in Verbindung bleiben möchte mit anderen."

Natürliches Gefühl, dem Leben vertrauen zu können

Das Gefühl, mit sich selbst und mit anderen verbunden sein, wird dann in der Kindheit gelernt. Wer als Kind echte Verbundenheit erlebt hat, wächst auf mit dem natürlichen Gefühl, dem Leben vertrauen zu können und in dieser Welt geborgen zu sein. Wer aber ohne sichere Bindung oder in einer zu engen Umklammerung aufgewachsen ist, ist emotional verunsichert. Es gibt Menschen, so Gerald Hüther, "die unter Umständen im Laufe ihrer frühen Entwicklung so starke Defizite mit dieser Verbundenheit hatten, dass sie auf Grund dieses Defizits immens gefährdet sind, irgendeine Person, die ihnen später über den Weg läuft, für so vertrauensvoll zu halten, für so ein großes Vorbild zu halten, dass sie dieser Person und all dem was die ihnen erzählt, bedenkenlos folgen."

Man muss sich verletzlich zeigen können

Wurde das angeborene Bedürfnis nach Verbundenheit ursprünglich nicht befriedigt, sucht der Mensch nach anderen Möglichkeiten. Viele finden eine innere Heimat in ihren Talenten und ihrer Kreativität. Manche suchen auch Ersatz im Essen, im Alkohol, in Drogen, in einer Sekte oder einer radikalen Partei. Wer keine Verbindung zu sich selbst hat, kann sich auch nicht mit anderen verbinden.

Anders gesagt: Nur wer sich verletzlich zeigen kann, kann sich auch öffnen, so Philosophin Katharina Ceming. "Solange ich mich nicht öffnen kann, kann ich auch Verbundenheit nicht erfahren, weil ich einen Schutzwall um mich aufbaue. Wie soll ein anderer jemals diesen Schutzwall überwinden können, den ich immer höher baue? Wenn ich aber bereit bin, sozusagen in diese Verletzlichkeit zu gehen - das heißt ja nicht, dass ich prinzipiell verletzt werden muss, aber dass ich aushalte, dass es passieren kann - kann ich mich auch öffnen."

Eigene Denkweise verhindert oft echte Verbundenheit
Befragt man Menschen, was sie wirklich glücklich macht, dann kommt oft als erstes: Familie und Freunde. Der Mensch ist ein soziales Wesen und von Natur aus zu Kooperation und Vernetzung fähig. Doch im Getriebe des Alltags schauen viele Menschen nicht so sehr darauf, was sie mit anderen verbindet, sondern sind eher mit sich beschäftigt, mit ihren eigenen Sorgen und Nöten. Sie fühlen sich isoliert und getrennt, von sich selbst, von anderen und von der Welt. Wenn Angst und Misstrauen, Neid, Gier oder Konkurrenz das Miteinander bestimmen, können Gefühle von Verbundenheit nicht wahrgenommen werden.

Es wird leicht vergessen, dass es die eigene Art zu denken, zu sprechen und zu handeln ist, die das Erleben von echter Verbundenheit verhindert, erklärt Peter Bergholz: "Ich tue etwas und eigentlich würde ich lieber etwas ganz anders tun, aber ich tue etwas und hadere, zweifele. Das Phänomen dieser Zeit, dass wir uns so häufig mit Dingen beschäftigen, mit denen wir uns gar nicht beschäftigen wollen, uns stören lassen. Ich bin sehr dafür, dass jeder einen Freiraum findet für sich und diesen Freiraum auch verteidigt, den brauchen wir, um in diese Einklangsbewegung hineinzukommen."

Verschiedene Möglichkeiten, sich selbst wahrzunehmen

Für viele ist die Natur ein Ort, wo sie zur Ruhe kommen und sich selbst wieder mehr spüren. Im Wald, in den Bergen oder am Meer. Für Christine Schneider ist auch der eigene Garten ein Platz, wo sie das Gefühl haben kann, in etwas Größeres eingebunden zu sein: "Es gelingt auch, dass ich mich bewusst rausnehme aus meinem Alltag, die Natur betrachte, in den Himmel schaue, die Wolken ziehen lasse, den Geist beruhige dadurch. Und dann nehme ich sehr bewusst wahr, dass ich mich aufgehoben fühle in diesen Augenblicken."

Was tun Menschen nicht alles, um sich verbunden zu fühlen. Sie suchen Kontakte in Gruppen, Vereinen und sozialen Netzwerken. Sie bemühen sich um Liebe und Freundschaft, entwickeln Interessen und Fähigkeiten. Auch körperorientierte Therapieverfahren können helfen, wieder mehr in Verbindung mit sich selbst zu kommen, sagt Gerald Hüther: "Das sind auch viele aus dem östlichen Raum kommende traditionelle Techniken, z.B. Yogatechniken, die all das wieder machen. Wenn man beispielsweise wieder anders atmen lernt oder anders sitzen lernt oder bewusster seinen eigenen Körper wahrnehmen lernt, dann führt das auch zu einer Stärkung des Selbstwertgefühls. Deshalb ist es immer wichtig, dass man die Verbindung zu sich selbst herstellen kann, erst dann ist er wieder eine Einheit.

Einheitserlebnisse in der Meditation lassen sich im Gehirn nachweisen
Meditierende Menschen wissen: Wenn der Geist ruhig und ausgeglichen ist, hört er auf zu be- und verurteilen. Erst dann können Zustände von innerer Ruhe, Verbundenheit und Einssein erlebt werden. Mystische Einheitserlebnisse in der Meditation sind keine Einbildung, sie lassen sich im Gehirn nachweisen. Mit bildgebenden Verfahren lässt sich zeigen, dass in Phasen tiefer Verbundenheitserfahrungen der obere Scheitellappen deutlich weniger durchblutet ist. Und zwar genau in dem Bereich, der für die räumliche Orientierung und Wahrnehmung der Körpergrenzen zuständig ist.

Der menschliche Geist erlebt diese subjektiv empfundene Raumlosigkeit als Einheitsgefühl, sagt Körpertherapeut Peter Bergholz: "Die spirituelle Freude setzt für mich ein, wenn ich mich verbunden fühle. Wenn ich nicht mehr nur bei mir selber bin, sondern mich als Teil meiner Umgebung erlebe, also real, gedanklich eins bin. Meiner Meinung nach geht das nur in der Stille oder in ganz besonderen Augenblicken auch in der Aktivität. Da öffnen sich die Wahrnehmungskanäle."

Wege zu mehr Verbundenheit gibt es viele. Das Leben ist ein großes Übungsfeld für Verbundenheit. Mal zur Freude, mal zur Auseinandersetzung. Den darin liegenden inneren Reichtum zu erkennen und leben zu können, ist Teil der Lebenskunst.

Autorin des Radiobeitrags: Lisa Laurenz

Radiobeitrag Nachhören (17 Min.): Hier

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