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Sendung auf NDR/ Hallo Niedersachsen  am 14.04.2016 um  19:30 Uhr

In der Mediathek anschauen (Sendelänge: 03:12 Min.): Hier 

Baby Thees bringt die Erinnerung zurück

von Britta Nareyka
Sechs Senioren sitzen im Halbkreis in der Kapelle des Hermann-Bonnus-Hauses, einer Altenpflegeeinrichtung in Osnabrück. Vor ihnen liegen zwei Isomatten, auf denen eine gelbe Wolldecke ausgebreitet ist. Die Damen und Herren haben die 70 Jahre längst überschritten und sind an Demenz erkrankt. Heute bekommen sie besonderen Besuch. Alle sind aufgeregt und etwas nervös. Denn noch weiß niemand so ganz genau, was gleich passieren wird, auch wenn Betreuerin Manuela Ziegler sie seit Wochen auf diesen Besuch vorbereitet hat. Dann wird es spannend: Die Tür geht auf, und herein kommen der elf Wochen alte Thees und seine Mutter Anja Moormann. Die meisten der Senioren sind auf Anhieb fasziniert. Auf dem einen oder anderen Gesicht zeigt sich eine erste Regung: ein schüchternes Lächeln, glänzende Augen. So ein Baby, das zieht die Aufmerksamkeit sofort auf sich und sorgt für eine besondere Stimmung im Raum.

"Babywatching" zur Förderung der Empathie

"Babywatching" nennt sich dieses Pilotprojekt, das in Osnabrück bundesweit erstmalig auch im Altersheim bei Demenzkranken eingesetzt wird. Bei Kindern hat es schon erste Erfolge gezeigt: Das Beobachten von Babys im Umgang mit der Mutter wird in Schulen und Kindergärten schon seit einigen Jahren zur Förderung von Empathie eingesetzt. Die Kinder sollen dabei lernen, Gefühle zu beschreiben, um achtsamer zu werden, auch im Umgang mit anderen.

Positive Effekte

Dass die Methode nun auch im Altersheim angewendet wird, daran hat der Vater des kleinen Thees großen Anteil. Christoph Moormann, Theologe und "Babywatching"-Trainer, hat dabei eng mit dem Erfinder der Methode, dem Münchner Uni-Professor Karl Heinz Brisch, zusammengearbeitet. Im Hermann-Bonnus-Haus in Osnabrück mussten die beiden keine große Überzeugungsarbeit leisten. "Wir probieren das einfach mal aus", dachte sich Eckhard Mönkehof, der Leiter der Einrichtung. Und tatsächlich: Schon die erste Testrunde zeigte positive Effekte. "Unsere Senioren sind ganz begeistert von den Baby-Besuchen. Wir konnten schon in der Testphase erstaunliche Momente beobachten", so Mönkehof. Darum werde das Projekt nun auch weiter ausgebaut: mit einer neuen Senioren-Gruppe und Baby Thees. Aber nicht nur in Osnabrück, auch in anderen Teilen Deutschlands gebe es bereits ein steigendes Interesse an dem Projekt, berichtet Christoph Moormann.

"Das Eis ist gebrochen"

Die sechs Teilnehmer reagieren bei der "Babywatching"-Premiere zunächst noch etwas zurückhaltend. Sie beobachten den aufgeweckten Säugling zwar neugierig, halten sich aber mit Kommentaren zurück. Mit dabei ist neben Betreuerin Manuela Ziegler auch die Gerontologin Johanna Pohl, die in der Runde die Rolle der Moderatorin einnimmt. "Frau Michalski, was meinen Sie denn? Wie fühlt sich das Baby auf dem Arm der Mutter?", fragt die Trainerin, um die Teilnehmer einzubinden. "Ich denke, gut", sagt die Seniorin. Bei der 93-Jährigen ist damit das Eis gebrochen. Denn schon wenige Minuten später berichtet die ältere Dame von ihren eigenen Erfahrungen. "Ich habe mit 40 mein erstes Kind bekommen. Sehr spät", berichtet sie der Runde.

"Demenz soll für kurzen Zeitraum gestoppt werden"

Baby Thees soll positive Gefühle in den dementen Senioren wecken, die wiederum alte Erinnerungen hervorrufen sollen. Auch die Kommunikations- und Ausdrucksfähigkeit soll gefördert werden, sodass insgesamt die Steigerung der Lebensqualität im Mittelpunkt steht. "Wir wollen den dementen Menschen positive Erlebnisse bereiten - schon für den einzelnen Moment. Schon das ist ein Gewinn", berichtet "Babywatching"-Trainer Moormann. Es gehe darum, die Demenz für gewisse Zeitspannen zu stoppen. Die einzelnen Ergebnisse jeder Sitzung werden hinterher genau dokumentiert. "Wir wollen die Wirkung genauer erforschen, über mehrere Jahre. Noch stehen wir ganz am Anfang. Aber es ist auf jeden Fall eine spannende Sache, vor allem, weil ja schon jetzt positive Effekte sichtbar sind."

Baby Thees kommt jetzt jede Woche

Die Senioren haben Baby Thees schon beim ersten Besuch ins Herz geschlossen. "Ich bin ganz begeistert, wie gut das geklappt hat", sagt Betreuerin Manuela Ziegler über ihre Truppe. "Viele haben sich sogar aktiv beteiligt und von eigenen Erlebnissen berichtet. Das hätte ich so nie erwartet." Je nach Stand und Art der Demenz reagieren die Senioren alle unterschiedlich auf den Säugling. "Auch, wenn sich nicht alle geäußert haben: Wahrgenommen haben sie das Baby auf jeden Fall, da bin ich mir sicher", so Ziegler. Nach einer guten halben Stunde heißt es dann: Abschied nehmen. Doch nur für eine Woche, denn ab sofort kommen Baby Thees und seine Mutter Anja jeden Mittwoch zum Babywatching ins Hermann-Bonnus-Haus. >> mehr Infos

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