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ab 22.04.2017

Ein "winziger Zeh" im Eimer für Küchenabfälle

Die chinesische Autorin Xinran über den Mord an neugeborenen Mädchen: "Nutzlos, wertlos" - die Geburt eines Mädchens ist für viele Eltern auf dem Land in China ein Schicksalsschlag. Die Journalistin Xinran hat in ihrem Buch "Wolkentöchter" beschrieben, warum immer noch weibliche Säuglinge umgebracht werden.


Xinran im Gespräch mit Dieter Kassel:

Dieter Kassel: Gut zehn Jahre lang hat Xinran in China als Radiojournalistin gearbeitet und bei verschiedenen Stationen Sendungen moderiert, in denen es um die Probleme von Frauen ging. Am Anfang ging es dabei relativ harmlos zu. Dann aber, als sie bekannter wurde und immer mehr Frauen auch begannen, sich ihr gegenüber zu öffnen, musste sich Xinran ziemlich viele schreckliche Geschichten anhören: Geschichten zum Beispiel von Müttern, die ihre eigenen Töchter unmittelbar nach deren Geburt umgebracht hatten. 
Umgebracht hatten sie ihre Töchter deshalb, weil man in China, gerade auch in ländlichen Gebieten, einfach Söhne haben möchte – Mädchen sind nichts wert. Geschichten von Müttern, die ihre Kinder umgebracht oder zumindest sehr früh weggegeben hatten, erzählt sie in ihrem Buch "Wolkentöchter". Dieses Buch ist jetzt im Herbst auch in Deutschland erschienen, und ich habe deshalb mit Xinran, die seit vielen Jahren in London lebt, über dieses Buch gesprochen und habe sie zuerst gefragt, wann sie denn das erste Mal überhaupt von solchen Geschichten gehört hat, dass Eltern ihre eigenen Kinder töten.

Xinran: Ich selbst wurde ja in der Stadt geboren und bin dort auch aufgewachsen, und hatte überhaupt keine Ahnung vom Landleben. Ich war zwischen 1988, 89 als Journalistin – da war ich schon über 30 – auf dem Land unterwegs und merkte zum ersten Mal, wie arm das Land wirklich war, wie arm das Leben dort war. Ich machte eine Reise in ein Dorf und wurde dort von einem Polizisten begleitet, dem gegenüber ich dann sagte, wie seltsam es doch sei, dass die Kinder alle barfuß herumlaufen und nackt waren. Da sagte er: Ach, das ist doch der Sommer, und es ist halt warm. 
Ich erinnere mich noch, dass wir dort zu Abend gegessen hatten bei einer Familie in einem sehr armen Dorf, und dort wurde ich dann zum ersten Mal Zeugin, wie ein kleines Mädchen umgebracht wurde. Nach dem Abendessen oder während des Essens hörte ich plötzlich von nebenan Schreie, laute Schreie. Ich war damals schon selbst Mutter und wusste, dass dort eine Geburt stattfand, und später hörte man dann ein lautes Weinen und heftige Schreie, die dann aber plötzlich aufhörten, und dann hörte man eine Männerstimme, die sehr wütend und ärgerlich nur "nutzlos, wertlos" rief. Und ich wusste bis dahin nicht, was passierte, bis ich plötzlich hinter mir etwas bemerkte. Das ist immer noch sehr emotional für mich, darüber zu sprechen, es bewegt mich immer noch sehr. 
Denn hinter mir bemerkte ich plötzlich einen winzigen Zeh, der aus einem Eimer für Küchenabfälle hervor sah. Und da merkte ich, dass das das Baby war. Und ich fragte, was das ist. Der Polizist sagte: Ach, das ist nichts, sag jetzt nichts. Du kommst aus der Stadt. Das hier ist das Land. Misch dich nicht in ihre Bräuche ein. Ich habe doch was gesehen, sagte ich, haben Sie das nicht gesehen? Und da sagte die Frau, die Hausfrau: Ach, das ist das Mädchen aus der Stadt. Das ist doch nichts, das ist kein Kind. Das, was da ist, das brauchen wir nicht. Da habe ich dann wirklich erst realisiert, dass das das neugeborene Mädchen war. Und das war für mich das erste Mal.
(...)
Das passiert deshalb, weil für die Familie das ein extremer Makel ist, wenn das erstgeborene Kind kein Junge wird. Die Frauen werden dann wie Kriminelle betrachtet, Kriminelle gegenüber ihrer Familie und gegenüber ihrem Dorf. Und ich habe die Frauen gefragt, wie sie das tun, wie sie das schaffen, wie sie das machen können. Und manche haben reagiert: Hm, das ist normal, das ist doch wie ein Teil der Hausarbeit, so ein Kind zu töten. (...)
(Quelle: Deutschlandradio Kultur, vom 22.11.2011) 
 

Xinran, die Autorin des Buches "Wolkentöchter". Erschienen ist das Buch in Deutschland im Droemer Verlag.


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