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ab 30.05.2019

BKK Pro Vita Interview -
Emotionale Bindung ist lebenswichtig -
Feinfühligkeit kann man lernen"

Interview mit Prof. Karl Heinz Brisch anlässlich der 3. Sitzung des Wissenschaftlichen Beirats der BKK ProVita am 13. März 2019
Sichere Bindung ist der beste Start ins Leben. Wie entstehen Bindungserfahrungen, und wie wirken sie sich im Erwachsenenalter aus? Was passiert, wenn Kinder unter Gewalt aufwachsen? Was kann man therapeutisch tun, was präventiv?


Darüber sprach ich mit Prof. Karl Heinz Brisch. Der Kinderpsychiater war 20 Jahre am Haunerschen Kinderspital in München tätig. Sein Spezialgebiet ist die Kinderpsychosomatik. Er hat verschiedene Präventionsprogramme entwickelt, darunter SAFE® – ein Trainingsprogramm zur Förderung einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind.


Frage: Herr Prof. Brisch, was bedeutet eigentlich „Bindung“?
Prof. Karl Heinz Brisch: Da möchte ich Ihnen ein Beispiel geben: Max kommt am Montagmorgen in den Kindergarten. Er fragt: „Wo ist Gabi?“ Gabi ist seine Erzieherin, die ihn auch eingewöhnt hat – die kennt er gut, mit ihr hat er den besten Bindungskontakt, die steht für Schutz und Sicherheit bei ihm. Yvonne, eine andere Erzieherin, antwortet: „Gabi ist diese Woche krank, sie hat Fieber“. Daraufhin sagt Max zu seiner Mutter: „Wir gehen wieder.“ Und Mama sagt: „Auf gar keinen Fall, ich habe um 11 Uhr ein Meeting.“ Max protestiert: „Nein, Mama, wenn Gabi nicht da ist, dann bleib ich nicht.“ Dann sagt Mama: „Spiel doch ein bisschen mit Yvonne, die kennst du doch ganz gut.“ Max lässt sich überzeugen, aber nur unter der Voraussetzung, dass Mama jetzt auch eine dreiviertel Stunde mit Yvonne spielt, damit diese ein bisschen vertrauter wird. Und dann sagt Max: „Siehst du, Mama, du jammerst doch auch, wenn Papa mal ne Woche weg ist. Der Papa ist besonders und speziell für dich, dann gehst du doch auch nicht eine Etage höher und klingelst bei dem Mann, der da oben eingezogen ist.“ „Ja, das stimmt“, sagt Mama. „Papa ist spezifisch, ganz besonders für mich.“ „Siehst du“, sagt Max, „so ist das mit Gabi auch, man kann Gabi nicht einfach gegen Yvonne oder Manuela austauschen“.


Das heißt, wir alle haben solche Bindungsbeziehungen. Das können die Eltern sein, die Großeltern, unsere Kinder, Partnerinnen und Partner. Diese Bindungsbeziehungen sind sehr spezifisch. Die kann man nicht mal eben austauschen. John Bowlby, der Gründer der Bindungstheorie, definiert Bindung als ein unsichtbares, emotionales Band, das zwei oder sogar mehr Menschen über Raum und Zeit miteinander verbindet.


Wie viele Bindungspersonen hat ein Kind normalerweise?


Kinder haben drei, vier Bindungspersonen im ersten Lebensjahr, keine 20. Denen können sie gut vertrauen und sich sicher fühlen. Dabei gibt es eine gewisse Pyramide: Es gibt eine primäre, die Hauptbindungsperson. Die kann am besten und schnellsten trösten, die kennt das Kind am besten. Vielleicht ist Papa der zweitbeste oder die Großeltern – das kann wechseln. Wenn jetzt der Vater mal ein paar Monate zu Hause ist, kann es sein, dass er in die erste Position kommt. Wenn dann Mama nach Hause kommt und fragt, „Darf ich dich jetzt füttern und baden?“, kommt vom Kind „Nein - Papa“. „Und ins Bett bringen?“ „Nein – Papa!“


Wer ganz oben steht, hat die beste Position. Aber die ist nicht in Stein gemeißelt, das kann wechseln. Es gibt Kinder, da ist die Krippenerzieherin die Hauptbindungsperson, die Eltern stehen weit unten oder kommen gar nicht vor. Und wenn wir die drei oder vier Jahre alten Kinder dann fragen: „Wenn du hinfällst, dein Knie blutet, und da sitzen deine Eltern und trinken Kaffee – zu wem läufst du dann?“, sagt das Kind: „Weiß ich nicht.“ Das ist bedenklich. Wir würden erwarten, dass das Kind jetzt seine Hauptbindungsperson nennt, denn wenn das Knie schmerzt, bekommt das Kind Angst, und dieses Gefühl aktiviert sein Bindungsbedürfnis. Die Eltern kommen aber offensichtlich als Schutzpersonen beim Kind gar nicht vor.


Wie entsteht gute Bindung? Was ist das Rezept dafür?


Für eine gute Bindungsversorgung brauchen wir Bezugspersonen – Eltern, Tageseltern, Krippenerzieher –, die von Anfang an feinfühlig mit dem Kind umgehen. Feinfühligkeit ist ein ganz wichtiger Faktor. Das bedeutet, die Signale des Babys wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und angemessen und prompt darauf zu reagieren. Mit dem Baby zu sprechen, im Dialog oder gemeinsamen Rhythmus, mit viel Blickkontakt und feinfühliger Berührung – all das ist sehr bindungsfördernd. Und das kann man Eltern beibringen, das kann man unterrichten.


Das klingt jetzt alles ziemlich anspruchsvoll,
fast schon anstrengend …


Da kann ich Sie beruhigen! Das muss überhaupt nicht perfekt sein. Man kann auch nicht ständig feinfühlig sein, das wäre super anstrengend.


Feinfühligkeit ist auf Dauer anstrengend: "Nach der Hochzeitsreise ist man fertig".


Es gibt natürlich Ausnahmen: Wenn Sie verliebt sind, sind Sie hoch motiviert, feinfühlig die Signale Ihres Partners zu lesen. Das erzeugt dann beim Gegenüber das gute Gefühl: Wenigstens ein Mensch versteht, was ich will, und ich muss das gar nicht sagen – der versteht mich einfach so! Aber das ist sehr anstrengend. Deswegen sind
die Menschen auch nach einer Woche Hochzeitsreise fertig. Das hält man nicht durch. Und Mütter sind abends erschöpft, wenn sie das einigermaßen gut machen. Deswegen: Mittelmäßig reicht absolut aus. Das Bindungssystem ist sehr robust.


Können wir auch ganz ohne Bindung leben?
Bindung ist ein grundlegendes Thema, das uns dauerhaft begleitet. Das beginnt in der Schwangerschaft und geht über den Tod hinaus. Bowlby und die gesamte Bindungsforschung sind da sehr klar: Man kann auf Bindung nicht verzichten. Das ist wie Atmen, wie Essen, wie Trinken – es gibt keinen Weg da raus. Ohne emotionale Bindung würden Sie sterben.


Nehmen Sie dieses Beispiel aus der Geschichte: Der Stauferkaiser hat Ammen Babys mitgegeben und ihnen gesagt: „Ihr dürft sie stillen, ihr müsst sie auch stillen, aber ihr dürft nicht mit ihnen sprechen – ich möchte wissen, was die Ursprache der Babys ist“. Wissen Sie, was passiert ist? Alle diese Babys sind im ersten Lebensjahr gestorben. Wie kann das sein? Die sind doch gestillt worden. Die haben doch das Beste gekriegt, was man sich vorstellen kann. Und sie sterben. René Spitz hat das in den 40er Jahren in Kinderheimen untersucht, er nannte dieses Phänomen „Hospitalismus“, ohne es genau erklären zu können. Heute wissen wir: Wenn Babys emotional nicht versorgt werden, wird das Wachstumshormon gar nicht gebildet, weder für das Größenwachstum, noch für die Vernetzung unserer Nervenzellen im Gehirn. Da können Sie in ein Baby so viel Milch hineinfüllen, wie Sie wollen.


Wenn so ein Kind aber frühzeitig in ein „Pflegesystem“ oder in eine Familie kommt, wo es gut versorgt wird, hat das Baby durchaus positive Entwicklungschancen. Sie können dann mit dem Maßband messen, wie der Kopf und somit das Gehirn wächst, weil neuronale Vernetzungen immer dichter werden, und auch das Kind wächst in die Höhe. Das liegt ausschließlich am jetzt intensiven emotionalen Austausch mit den neuen Bezugspersonen, also z.B. den – gut geschulten und betreuten – Adoptiv- oder Pflegeeltern.


Welchen Stellenwert hat sichere Bindung im späteren Leben?
Ohne sichere Bindung gibt es kein Gefühl von Urvertrauen. Wenn aber eine gute Bindungsversorgung von Anfang an gewährleistet ist, hat ein Kind am Ende des ersten Lebensjahres bereits ein Gefühl von Urvertrauen: Es weiß, wo sein sicherer Bindungshafen ist, von dem aus es die Welt entdeckt. Und wenn da draußen etwas schiefgeht, die Wogen hochschlagen, sagt eine innere Stimme: „Wow, Gefahr hier auf hoher See, wo ist mein Hafen?“, und es kann zu seinem Hafen, seiner sicheren Bindungsperson, zurückkehren und sich sagen: „Wie gut, dass ich hier geschützt und sicher bin!“ Wenn dann die Wogen einigermaßen geglättet sind, kann es wieder losziehen. Wenn Kinder dieses Urvertrauen in frühester Kindheit erfahren, fahren sie später einfach durch die Welt – in der Gewissheit, wenn sie in Shanghai auf der Straße stolpern und sich den Fuß brechen, wird es Leute geben, die ihnen helfen. Wenn sie
aber Angst haben, fahren sie erst gar nicht los, dann bleiben sie zuhause. Sie brauchen eine gewisse innere Vertrauenssicherheit, sonst würden sie die Welt gar nicht erkunden, sich nicht auf andere Menschen einlassen und auch Beziehungen nicht erkunden.


"Wenn man bindungssicher ist, hat man im Leben ein paar Vorteile"


Kurz gesagt: Wenn man bindungssicher ist, hat man im späteren Leben ein paar Vorteile. Man kann Stress besser bewältigen. Man kann sich Hilfe holen. Man hat ein breiteres Stress-Toleranz-Fenster. Man hat mehr Beziehungen und Freundschaften, die man pflegt. Die Kreativität, Lernleistung, Sprachentwicklung und Empathiefähigkeit sind viel besser. Kinder, die unsicher gebunden sind, können das alles nicht so gut. Sie lösen Konflikte eher allein, fragen nicht nach Hilfe – denn sie haben das Gefühl, sie müssten die Welt alleine bewältigen.


Werden Kinder überhaupt selbstständig, wenn die Eltern – im Sinne einer sicheren Bindung – immer sofort zur Stelle sind?


Das Bindungssystem ist ganz eng verknüpft mit dem Erkundungssystem. Kinder wollen von Natur aus die Welt im Detail erkunden. Während Sie zum Beispiel hier mit mir sitzen, kann es sein, dass Ihr Enkelkind – 1,5 Jahre alt – zuhause gerade Ihr neues schickes Smartphone erkundet, das Sie sich am Wochenende gekauft haben und von dem Sie noch gar nicht wissen, ob es schwimmt oder nicht. Als Kind muss man das unbedingt ausprobieren: Da steht doch, es ist wasserdicht! Also will das neugierige Kind wissen, ob das wirklich wasserdicht ist. Kinder in dem Alter können Sie nicht aufhalten! Später gehen sie dann in die Schule, ins Studium, und noch ein bisschen später fliegen sie um die Welt und denken nicht daran, von Bangkok aus eine SMS zu schreiben, dass sie gut zwischengelandet sind. Denn der nette Mensch, den sie im Flugzeug kennengelernt haben, ist viel interessanter als Mama zu Hause, die sich vielleicht Sorgen macht.


Bindung wird also nur dann aktiviert, wenn man Angst hat. Dann braucht man seine Bindungsperson. Ansonsten ist die Erkundung aktiv. Bindung und Erkundung sitzen quasi auf einer Wippe. Und wenn eins beruhigt und unten ist, ist das andere automatisch aktiv und oben – und umgekehrt.


Muss man Babys nicht auch mal frustrieren, um Sie zu erziehen?


Eine typisch deutsche Frage! Viele Eltern wollen wissen: „Wann fange ich denn mit dem Frustrationstraining an? Man soll doch Babys nicht zu sehr verwöhnen!“ Das ist eine deutsche Geschichte, das gibt es so in Italien, Spanien oder Südamerika überhaupt nicht. Das hängt mit einer düsteren Pädagogik zusammen, in denen Kinder Gehorsam lernen sollten, sich unterordnen, ja unterwerfen mussten.


Aber wenn wir Babys regelmäßig bewusst frustrieren, werden Kinder bindungsvermeidend. Wenn ihre Signale zwar beantwortet werden, ihnen aber gleichzeitig Angst gemacht wird, sehen wir eher ambivalent gebundene Kinder.


„Bindungsvermeidend“ und „ambivalent gebunden“: Was bedeutet das?


Bei ambivalenten Kindern sind die Eltern manchmal feinfühlig und im gleichen Moment schimpfen sie. Das Kind fällt hin, die Mutter sagt: „Oh je – das tut weh, dein Knie blutet, bist du runtergefallen?“ Und im selben Moment sagt sie: „Aber glaub nur nicht, dass ich jedes Mal komme, wenn du runterfällst.“ Das heißt, sie tröstet, und im gleichen Moment macht sie Angst.


Die bindungsvermeidende Mutter würde sagen: „Das blutet gar nicht, das tut auch gar nicht weh. Und überhaupt, nicht so oft runterfallen! Und den Rest regelst du bitte alleine.“ Und sehr schnell wird sich das Kind nicht mehr melden. Dann haben Sie Eineinhalbjährige, die fallen hin, das Knie blutet – und die weinen nicht mal! Geschweige denn, dass sie einen Bindungsversuch wagen würden und sagen: „Mama, mein Knie tut weh, hilfst du mir?“ Diese Kinder haben gelernt: Wenn ich Stress habe, wenn ich Schmerzen habe, muss ich das alleine regeln.


"Das bindungsvermeidende Kind ist der beliebte deutsche Prototyp"


Was Sie vielleicht überraschen wird: Das bindungsvermeidende Kind ist der beliebte deutsche Prototyp. Alle Eltern, z. B. in unserem Präventionsprogramm, wollen am Anfang solche Kinder haben: Die sind praktisch, die kann man schnell mal überall absetzen, die kann man von heute auf morgen in eine andere Krippe bringen. Da kann man abends um fünf anrufen und sagen, wir brauchen um sechs einen Babysitter. Egal, wer kommt – das Kind funktioniert scheinbar gut. Physiologisch hat es zwar eine hohe Erregung, aber es hat gelernt: Meinen bindungsvermeidenden Eltern kann ich nicht zeigen, dass ich Stress habe. Dann haben wir ja beide Stress. Das heißt, die haben miteinander die klassische „Passung“. Das bindungssichere Kind hat eine bindungssichere Mutter, die einigermaßen feinfühlig ist.

Das bindungsvermeidende Kind hat eine bindungsvermeidende Mutter, die aufgrund ihrer eigenen Geschichte Signale des Kindes eher zurückweist. Und das ambivalente Kind hat eine ambivalent gebundene Mutter, die aus ihrer eigenen Biografie heraus, sagt „Komm her – geh weg“. Und das Kind sagt auch „Komm her – geh weg“. Somit haben wir eine klassische Passung zwischen den Bindungsmustern.


Die Bindungstypen prägen uns bis ins Erwachsenenalter. Wie beeinflussen sie unsere Beziehungen – beruflich und privat?


Fangen wir mit dem Berufsleben an: Es ist ein großer Unterschied, ob Sie Menschen im Team haben, die kreativ, flexibel, ausdauernd und beziehungsfähig sind und sich Hilfe holen. Mit denen sind Sie superschnell unterwegs. Oder ob Sie Menschen im Team haben, die sich eher zurückziehen, wenn Sie ein Problem haben. Die fragen nicht, denken, man muss hier alles allein machen – und sind eigentlich gar nicht teamfähig. Das ist richtig schwierig.


Vor einiger Zeit rief mich ein großes Unternehmen an und sagte: „Brisch, wir brauchen mal Ihre Hilfe: Wir haben hier drei hochkarätige Wissenschaftler, einen Physiker, einen Biologen, einen Chemiker. Die erstellen jeder ein Gutachten über ein Produkt und müssen sich dann zusammensetzen und ein einziges Gutachten daraus machen. Das kriegen die nicht hin! Jetzt haben wir das schon 14 Tage probiert: vollkommen unmöglich! Würden Sie mit denen ein Coaching machen? Wir können keinen von denen entlassen, wir brauchen die alle drei!“ Das heißt: Da sind drei erwachsene Menschen nicht in der Lage, zusammen an einem Tisch aus drei Gutachten eins zu machen. Die sind hochkarätig – aber nicht beziehungsfähig!


Ähnliches haben wir auch in Partnerschaften: Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Partnerin, die bindungsvermeidend ist, und rufen sie nach unserem Gespräch an und sagen: Nimm dir bitte heute Abend Zeit, wir müssen über unsere Bindungsbeziehung reden – ich habe gerade mit Prof. Brisch gesprochen und einiges gelernt – das ist gar nicht so einfach, mir geht’s nicht gut mit diesem Thema.“ Dann würde Ihre Partnerin sagen: „Bitte melde dich wieder, wenn es dir besser geht.“ Das ist Bindungsvermeidung. Das würde Sie frustrieren, das würden Sie zwei, drei Mal machen, und dann würden Sie sich nicht mehr melden und gleich Ihren besten Freund anrufen, weil Sie wissen, der hört ihnen zu. Der ist bindungsorientiert.


"Es macht die Beziehung schwieriger, komplexer, stressiger, wenn verschiedene Bindungstypen aufeinander treffen"


Oder umgekehrt: Wenn sich zwei bindungsvermeidende Männer treffen, und der eine sagt: „Meine Partnerin ruft dauernd an und sagt, ihr geht’s so schlecht“, dann sagt der andere, „Das hat meine am Anfang ein, zwei Mal gemacht, und seitdem lässt sie es. Also mit der habe ich gar kein Problem.“ So regelt sich das.


Ganz wichtig: Es ist nicht pathologisch, also krankhaft, bindungsvermeidend oder ambivalent zu sein, so wie in den Beispielen beschrieben. Aber es macht das Leben irgendwie anders. Ein bisschen schwieriger, ein bisschen komplexer, ein bisschen stressiger. Und Sie können sich vorstellen, wenn sich in einer Partnerschaft zwei Sichere treffen, funktioniert das gut. Wenn sich zwei Vermeidende treffen, funktioniert das auch gut. Einer sitzt in München, einer in New York, die treffen sich alle drei Monate mal am Wochenende: Passt wunderbar. Aber wenn sie zusammenziehen, dann kriegen sie Stress. Und wenn einer bindungssicher und der andere vermeidend ist, wird’s auch schwierig. Aber das ist alles noch keine Psychopathologie.


Wann sprechen wir von einer wirklichen „Bindungsstörung“ mit Krankheitswert – und wie entsteht diese?
Nehmen Sie Mütter, die z.B. mit ihren Kindern nicht sprechen, weil sie nach der Geburt in eine Depression gerutscht sind und niemand das bisher gesehen und erkannt hat. Diese Mütter sitzen da und stillen vielleicht noch ihr Kind – aber schauen dabei ins Leere oder aus dem Fenster. Das ist keineswegs ein Einzelfall, sondern betrifft circa 15 Prozent der gesunden Schwangeren, die noch nie eine Depression hatten. Das ist ein Riesenthema. Und wir sehen dann nach einem Jahr Kinder, die sich widersprüchlich verhalten. Manchmal hin- und herlaufen, manchmal in tranceartigen, dissoziativen Zuständen einfrieren. Dieses Bindungsmuster nennen wir „desorganisiert“. Und wenn dann noch mehr Gewalt passiert, z. B. sexueller Missbrauch, Vernachlässigung, körperliche und verbale Gewalt oder auch Gewalt zwischen den Eltern, und die Babys sind Zeuge von dieser Gewalt, sind das für das Kind massive Stresserfahrungen schon im frühen Säuglingsalter. Dieses Kind wird keine sichere Bindung und auch keine vermeidende Bindung entwickeln, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Bindungsstörung. Das ist richtig frühe emotionale Psychopathologie. Entscheidend ist aber auch, ob es andere Bindungspersonen in einer solchen Situation gibt, vielleicht eine Erzieherin in der Krippe oder Großeltern, an die das Kind sich wenden kann und die ihm andere, etwa feinfühligere Bindungserfahrungen vermitteln. Dann könnte es sein, dass das Kind mit seinen Eltern, die ihm so großen Stress bereiten, eine desorgansierte oder sogar gestörte Bindungsbeziehung entwickelt, aber eine sichere an die Krippenerzieherin. Diese sichere Bindung wird es dann als Ressource ebenso für den Rest seines Lebens zur Verfügung haben, und diese Erfahrung wird ihm helfen, sein Leben besser zu meistern. Wir sprechen dann auch von psychischer Widerstandskraft oder „Resilienz“, die das Kind – trotz widriger Entwicklungsbedingungen in seiner Familie – mit auf seinen Lebensweg nimmt.


Worauf sollten sich Eltern einstellen, die ein Kind adoptieren wollen, das bereits erste Bindungserfahrungen gemacht hat?
Das ist tatsächlich ein wichtiges Thema. Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor. Frau und Herr Müller wollen im Ausland ein Kind adoptieren. Sie kommen in ein Kinderheim, um ein potentielles Adoptivkind kennenzulernen. Die kleine Lisa – sie ist vier Jahre alt – läuft auf Frau Müller zu und sagt “Mama”. Frau Müller nimmt das Mädchen auf den Arm, Lisa umarmt sie und würde sofort mit beiden mitgehen, als wäre sie schon immer ihr Kind gewesen.


Das heißt, die Müllers adoptieren übers Wochenende eine Lisa, die ist vier Jahre alt und – wie wir es nennen – schwerst „promiskuitiv bindungsgestört“. Denn dasselbe hätte Lisa mit Frau Meier gemacht, mit Frau Schulze – mit jedem, der zur Tür reingekommen wäre. Vollkommen unspezifisch. Und das macht große emotionale Entwicklungsstörungen: In der Pubertät laufen diese Kinder jedem nach, den sie auf
der Straße sehen. Wenn sie Stress haben, nehmen sie den Nächstbesten, den sie gerade treffen.


Wie können wir es schaffen, dass möglichst viele Kinder einen guten Start haben?


Nicht alle werdenden Eltern wissen, wie wichtig Bindung ist und wie man eine sichere Bindung zu seinem Neugeborenen aufbauen kann. Genau dafür haben wir das SAFE-Programm entwickelt. Der Name steht für „Sichere Ausbildung für Eltern“. Mit diesem Präventionsprogramm schulen wir seit 2006 werdende Eltern, wie sie sich feinfühlig ihrem Baby gegenüber verhalten können. Dabei nutzen wir erfolgreich viele Videobeispiele, um den Vätern und Müttern mögliche feinfühlige Verhaltensweisen anschaulich nahezubringen. Wichtig ist: Prävention sollte im Idealfall schon während der Schwangerschaft beginnen. Denn je früher wir anfangen, die Eltern begleitend zu unterstützen, umso weniger Geld müssen wir investieren. Wenn man im vorgeburtlichen Bereich ein bisschen Geld investiert, hat man einen Rieseneffekt. Je älter die Kinder werden, umso mehr Geld müssen Sie investieren, und erreichen doch nur noch einen kleinen Effekt.


"Je früher Prävention anfängt, umso weniger Geld müssen wir investieren"


Wir haben dazu aktuell eine Studie laufen mit der Wirtschaftsuniversität Wien. Die macht eine Analyse zum „Social Return on Investment“ unseres SAFE-Programms. Aus anderen Studien wissen wir, dass solche früh einsetzenden Programme sich mit dem Faktor 1:8 bis 1:15 „refinanzieren”. Das heißt, wenn die Gesellschaft an dieser frühen Stelle 1 € investiert, fließt der mit dem Faktor 8 oder 15 wieder in das Gemeinwesen zurück. Da reden wir wirklich über Schwangerschaft, erstes Lebensjahr – in dieser Zeit muss man Geld investieren, um Bindungsstörungen vorzubeugen. Später wird es teurer: Der Jugendhilfeplatz im Heim kostet in Deutschland circa 8.000 € pro Monat und Kind, der Gefängnisplatz pro Jugendlichen sogar 15.000 €.


Prävention ist also ein Thema, dessen sich der Staat und auch Institutionen wie z. B. Krankenkassen noch stärker annehmen sollten. Eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kind ist die beste Grundlage für eine gesunde körperliche, psychische und soziale Entwicklung eines Kindes. Wir sollten daher Eltern und Kinder in ihren ganz frühen Entwicklungsphasen so gut wie möglich unterstützen, damit dieser wichtige Entwicklungsschritt bestmöglich gelingen kann. Deshalb freue mich auch über Ihr Interesse.

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