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ab 20.07.2015

"Unvorstellbar, wie Kinder hierzulande leben müssen"

Stephan Dauer leitet eines der wenigen Heime für Kleinkinder, die es heute in Deutschland noch gibt Ihre Namen haben traurige Berühmtheit erlangt: Kevin, Chantal, Alessio, Zoe, Daniel. Kinder, die starben, weil ihre Eltern sie vernachlässigt oder misshandelt hatten.


Seit Jahren steigt die Zahl der „Inobhutnahmen“. 2013 waren es 42 100 Kinder – 30 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. Die meisten Kleinkinder kommen in Deutschland heute in Pflegefamilien unter. Mitte der Sechzigerjahre gab es noch mehr als 400 Säuglingsheime, in denen neben Kriegswaisen auch uneheliche Kinder betreut wurden. Erkenntnisse aus der Hospitalismus- und Bindungsforschung führten Anfang der Siebzigerjahre nach und nach zur Schließung der Heime. Nur eine Handvoll existiert noch. Das Salberghaus in Putzbrunn ist eines davon. Am Waldrand des Münchner Vororts kümmern sich 60 Erzieher und Therapeuten um etwa 75 Kinder. Der Erziehungswissenschaftler Stephan Dauer, 55, leitet das Salberghaus.

Herr Dauer, Pflegefamilien gelten inzwischen als die beste Betreuungsform für Kleinkinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können. Warum gibt es dann das Salberghaus noch?

Stephan Dauer: Weil Pflegefamilien nicht für alle Kinder die ideale Lösung sind. Finden Sie mal eine Pflegefamilie für drei Geschwister. Früher hätte man sie vielleicht getrennt. Aber das macht man heute nicht mehr. Wir haben im letzten Jahr außerdem acht Kinder aufgenommen, die aus abgebrochenen Pflegeverhältnissen kamen. Es gibt eine Tendenz, kleine Kinder sehr schnell in Pflege zu geben, ohne zu hinterfragen, welche Lebenserfahrungen sie bislang gemacht haben und welche fachliche Kompetenz die Familien mitbringen.

Die Familien sind überfordert?

Nicht alle. Für ganz viele Kinder sind Pflegefamilien die beste Lösung, vor allem für Kinder unter einem Jahr. Aber was häufig übersehen wird: Wenn Kinder in der Herkunftsfamilie zum Beispiel Gewalt miterleben, ist das gerade im frühen Alter genau so gravierend, wie wenn sie die Gewalt am eigenen Leib spüren. Sie übertragen ihre Erfahrungen dann häufig auf die neue Bezugsperson und prüfen, ob sie auch dann noch angenommen werden, wenn sie der Person vermeintlich wehtun. Ein Beispiel: Ein Kind, das sexuelle Übergriffe erlebt hat, greift dem Pflegevater immer wieder in den Schritt. Durch die Allpräsenz des Kindes kann die neue Familie schnell an die Grenzen der Belastbarkeit kommen.

Das Kind wird zurückgegeben?

Wir hatten erst kürzlich eine Anfrage von einem Jugendamt für zwei Geschwister, zwei und vier, die innerhalb von elf Wochen in drei Bereitschaftspflegen waren. Solche Extremfälle gibt es. » mehr

Ann-Kathrin Eckardt im Interview mit Stephan Dauer (Quelle: Erzieherin.de)

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