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Herr Prof. Brisch, Sie haben den ganzen Tag mit schwer bindungsgestörten Kindern und Jugendlichen zu tun – wie baut man dem eigenen Burn-out vor?

Karl Heinz Brisch: Ja, es braucht eine gute eigene Psychohygiene. Wir müssen zwei Anteile ausbalancieren: einerseits das Nahdransein, das Mitfühlen, das Einfühlen und das Empathischsein, damit nämlich die jungen Menschen überhaupt lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen und mit diesen umzugehen, andererseits dürfen wir selbst natürlich nicht von unseren eigenen Gefühlen „überflutet“ werden. Das ist aber, glaube ich, immer die Kunst der Psychotherapie. Und in der bindungsorientiertenTherapie mit sehr früh traumatisierten Kindern ist sie es ganz besonders. 


Unsere Bindungsmuster haben wir sehr früh gelernt, sie sind damit auch neuronal verankert. In welchem Rahmen sind die denn eigentlich später noch veränderbar?

KH Brisch: Die Bindungsrepräsentationen werden als innere Arbeitsmodelle oder affektiv-kognitive Schemata neuronal abgelegt und sind tatsächlich schon mit ungefähr einem Jahr ablesbar, das weiß man aus der Säuglingsforschung. Je älter wir werden, desto schwieriger ist es, diese Muster
zu verändern, aber änderbar bleibeen sie zeitlebens. Immer dann, wenn neue Bindungspersonen hinzukommen, die feinfühlig mit uns umgehen, und wir somit neue Erfahrungen machen. Bei frühkindlichen Traumatisierungen vor allem durch Bindungspersonen brauchen die Neuerfahrungen allerdings eine hohe Intensität, wie unsere Forschungsergebnisse aus unserem Therapiekonzept (MOSES®) der intensiven stationären Psychotherapie zeigen. Da reicht es nicht, sich ein- oder zweimal wöchentlich zu einem Termin zu treffen. Eine stationäre Intensivpsychotherapie mit durchschnittlich bis zu zehn Therapieeinheiten pro Woche ist viel erfolgversprechender. Wir sehen dann nach durchschnittlich acht Monaten intensiver Therapie bei Kindern und Jugendlichen eine deutliche Veränderung in ihrem Verhalten, die sich auch im funktionellen Kernspin in Reifungsprozessen im Gehirn abbilden lässt. Bei älteren Personen wäre der Zeitraum noch länger, dafür existieren aber meines Wissens noch gar keine intensiven Therapiekonzepte.


Was ist dann das Wichtigste, das bindungsbeeinträchtigte Personen in der Psychotherapie brauchen?

KH Brisch: Sie brauchen einen Menschen, der auf ihr oft eigenartiges Bindungsverhalten sensibel reagiert und ein hohes Maß an Sicherheit vermittelt. Der Therapeut muss diese Verhaltensweisen aushalten, auch wenn die Kinder und Jugendlichen mal toben, schreien oder brüllen. Die Frage, die wir uns stellen sollten, ist: Was muss ich tun, damit sich der Klient sicherfühlt? Dann geht der Klient gerne den Kontakt ein, entwickelt Vertrauen und kann seine Ängste allmählich abbauen.Mit anderen Worten: Er beginnt, sich emotional einzulassen.


Nun gibt es ja auch unter Therapeuten welche mit unsicheren Bindungsmustern . . .

KH Brisch: Natürlich. Es ist es gut, sein eigenes Muster zu kennen und es nicht zu verleugnen. Wer als Therapeut Bindung eher vermeidet, sollte daran für sich selbst arbeiten, um zu mehr Bindungssicherheit zu kommen. Solche Therapeutinnen oder Therapeuten haben aber häufig ohnehin für sich ein Therapieverfahren gewählt, das eher kognitiv orientiert ist, bei der Verhaltensänderungansetzt oder stark mit Skill-Trainings arbeitet. Diese Therapeuten lassen sich insgesamt vermutlich weniger auf Emotionen und eine bindungsorientierte therapeutische Beziehung ein, letztlich auch deshalb, weil es vermutlich für sie selbst weniger bedrohlich ist.

(Quelle: Deutsches Ärzteblatt | PP | Heft 8 | August 2016 Themen der Zeit, S. 365-366, Das Gespräch führte der Fachjournalist Uwe Britten) 

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