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Von Elena Gunkel

Lübbecke/Bielefeld. Was sich für jede Mutter wie ein Albtraum anhört, ist für Lea M. (alle Namen geändert) aus Lübbecke vor drei Jahren Realität geworden. Nachdem sie sich 2013 von ihrem Freund trennt, entscheidet das Oberlandesgericht (OLG) Hamm anhand eines umstrittenen psychologischen Gutachtens, dass ihre Tochter Maja beim Vater aufwachsen soll - obwohl der Mann vor Gericht gelegentlichen Drogenkonsum einräumt. Die Entscheidung des Gerichts bewegt viele Menschen in OWL, die ähnliche Erfahrungen vor Familiengerichten machen mussten wie Lea M.

Ende April berichtet diese Zeitung erstmals über den Fall von Lea M. Ein Gutachter, vom Amtsgericht Lübbecke beauftragt, diagnostiziert bei der Frau eine sogenannte Bindungsintoleranz. Aufgrund dessen das Aufenthaltsbestimmungsrecht auf den Kindesvater übertragen wird. 

Der Fall von Lea. M ist nach Angaben des Psychologen Werner Leitner von der IB-Hochschule Berlin kein Einzelfall. Im vergangenen Jahr veröffentlicht Leitner die Ergebnisse seiner Analyse von 272 Familienrechtsgutachten, die von 231 Sachverständigen aus allen Bundesländern 2013 und 2014 erstellt wurden. Allein aus NRW untersucht Leitner 69 Gutachten. Das Ergebnis der Studie ist alarmierend. 

Psychologen erstellen Gutachten ohne Approbation

Bei zwei Drittel der von den Gerichten beauftragten Sachverständigen handelt es sich um nichtapprobierte Fachpsychologen für Rechtspsychologie und nichtapprobierte Psychologen, überwiegend als Diplom-Psychologen qualifiziert, erklärt Leitner. "Dabei fehlt nichtapprobierten Psychologen die grundlegende Voraussetzung für eine Kassenzulassung", so Leitner.

Der Psychologe stellt außerdem fest, dass bei den meisten untersuchten Gutachten wissenschaftliche Mindeststandards nicht erfüllt wurden. "Viele Gutachter verwenden wenig gültige oder zuverlässige Diagnosemethoden", moniert Leitner. Immer häufiger werden neben Kindern offensichtlich auch Mütter Opfer wissenschaftlich unhaltbarer Schlussfolgerungen. "Frauen befinden sich bei Trennungen in einer besonderen Belastungssituation", sagt der Psychologe. "Besonderheiten im Erleben und Verhalten, die dabei als ganz normale Reaktionen auftreten, werden von unzureichend qualifizierten Sachverständigen nicht selten als Anzeichen mangelhafter Erziehungskompetenz fehlinterpretiert."

Die Bezeichnung "Fachpsychologe für Rechtspsychologie", die manche Gutachter bei Richtern auf den ersten Blick qualifiziert erscheinen lassen, ersetze laut Leitner keine Approbation. "Was ein Gutachter in Familiensachen benötigt, ist ein fundiertes Wissen in den Bereichen der Entwicklungs-, Erziehungs- und Familienpsychologie sowie psychologischer Diagnostik unter Berücksichtigung der Gütekriterien", betont Leitner, der im März im Auftrag des Justizministeriums in Magdeburg Richter von Oberlandes- und Amtsgerichten fortgebildet hat. 

"Auch Kenntnisse im Bereich Psycholinguistik, die vielen Gutachtern fehlen, spielen bei der Gesprächsführung und bei Testinterpretationen eine wichtige Rolle", erklärt Leitner. Problematisch sei außerdem, dass die Bezahlung für die Erstellung der Gutachten nicht selten extrem hoch ausfällt. "In Einzelfällen bekommt ein Sachverständiger mehr als 30.000 Euro."

Da die Berufsbezeichnung Sachverständiger nicht geschützt ist, kann ihn jeder ausüben, den ein Richter für geeignet hält. "Über die Beauftragung und Auswahl der Sachverständigen entscheidet der Richter", erklärt der Direktor des Amtsgerichts Lübbecke, Thomas Beimann. "Familienpsychologische Gutachten erstellt zwangsläufig ein Psychologe mit abgeschlossenem Studium", sagt Beimann.

Diplom-Psychologin Anne Marie Müller-Stoy ist seit 1996 hauptberuflich als Sachverständige im gerichtspsychologischen Institut Bielefeld tätig. "Gutachterliche Schlussfolgerungen und Empfehlungen werden aus der Perspektive von Beteiligten manchmal als große Ungerechtigkeit empfunden, wenn diese entgegen ihren Vorstellungen ausfallen", sagt Müller-Stoy. "Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, für betroffene Kinder die bestmögliche Lösung zu finden." Die Situationen, in denen die Kompetenz des Gutachters angezweifelt oder ein Zweitgutachten in Auftrag gegeben werde, seien laut Müller-Stoy eher selten. 

"Psychologische Sachverständige des Familienrechts haben einen sehr verantwortungsvollen Auftrag, der Diagnostik mit Intervention verbindet", erklärt Müller-Stoy. In der Regel müssen im Gutachten konkrete Fragen des Richters beantwortet werden, wie etwa: Wo soll das Kind leben? Mit wem soll das Kind Umgang haben? Zudem müsse der Gutachter auch die Erziehungsfähigkeit der Eltern überprüfen. "Um sich ein differenziertes Bild von der gesamtfamiliären Situation zu verschaffen, wenden sich die Gutachter unter anderem an die Kita, Schule oder den behandelnden Arzt."

Da die Gutachter nicht im therapeutischen Bereich arbeiten, sei es nicht ihre Hauptaufgabe, eine Diagnose zu stellen. "Wenn der Verdacht besteht, dass einer der Elternteile psychische Auffälligkeiten aufweist, die seine Erziehungsfähigkeit beeinflussen könnten, kann eine ergänzende Begutachtung durch familienpsychologische, psychiatrische oder psychotherapeutische Sachverständige sinnvoll sein", sagt Müller-Stoy. 

Dabei ist das Urteil des Gutachters für den Richter nicht bindend. "Obwohl psychologische Gutachter bei der Aufklärung des Sachverhaltes unterstützen, treffe der Richter grundsätzlich eine eigene Entscheidung", sagt Beimann. 

 

Änderungen im Gesetz

Die Kritik an mangelhaften Gutachten hat dazu geführt, dass die Bundesregierung Ende 2015 einen Gesetzesentwurf zur Änderung des Sachverständigenrechts entwickelt hat, über den zurzeit im Bundesrat beraten wird.

Laut Gesetzesentwurf muss das Gericht Sachverständigen künftig eine Frist zur Erstellung des schriftlichen Gutachtens setzen, wobei im Säumnisfall ein Ordnungsgeld von bis zu 5.000 Euro festgesetzt wird.

Auch die geplante Neuregelung soll weder Approbation noch Mitgliedschaft in einer Berufskammer für Gutachter zur Pflicht machen. (eag)

(Quelle: „Neue Westfälische" /Bielefelder Tageszeitung, vom 30.06.2016)

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