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ab 24.05.2016

Pflegeeltern als neue Bindungspersonen

Risiken und Chancen der Betreuung von bindungsgestörten Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien.


Das Bindungsbedürfnis des Säuglings ist ein starkes motivationales Entwicklungssystem im Kontext mit anderen motivationalen Systemen. Allerdings ist die Bindungsentwicklung an eine Bindungsperson nicht durch die genetische Verwandtschaft bedingt. Dies macht es möglich, dass sich ein Säugling über einen längeren Bindungsprozess an Personen binden kann, die ihm zunächst vollkommen fremd sind, wie etwa Pflegeeltern. Die sichere Bindungsentwicklung ist grundsätzlich für das körperlich und seelisch gesunde Kind mit jeder Person möglich, die feinfühlig die Signale des Kindes erkennt, diese richtig interpretiert und angemessen sowie prompt darauf reagiert, sich in die Innenwelt des Kindes empathisch hineinversetzt und durch dialogischen Blickkontakt, Sprache und Berührung eine Bindungsbeziehung aufbaut. Dies ist der Hintergrund, warum soziale und emotionale Elternschaft für Pfl egeeltern möglich wird (vgl. Ainsworth 2003; Ainsworth/Bell 2003). 

Traumatische Erfahrungen

Oftmals haben allerdings Kinder, für die Pflegeeltern gesucht werden, bereits vielfältige traumatische Erfahrungen durchlebt, wie mehrfache Trennungs- und Verlusterlebnisse, schwerwiegende Vernachlässigung oder auch körperliche, emotionale und sexuelle Gewalt (vgl. Oswald/Goldbeck 2009; Pérez, Di Gallo/ Schmeck/ Schmid 2011). Sind die potentiellen Bindungspersonen, etwa die leiblichen Eltern, diejenigen, die den Kindern diese traumatischen Erlebnisse zugefügt haben, hat dies häufig die Entwicklung von Bindungsstörungen zur Folge (vgl. Brisch 1999). Da die Kinder in solchen traumatischen Situationen panische Angst erleben und nach einer Bindungsperson suchen, aber nur diejenigen vor Ort sind, die das Kind traumatisieren, kommt es zur pathologischen Bindung des Kindes an die leiblichen Eltern, die gleichzeitig die TäterInnen sind. Dies ist der Hintergrund, warum Pflegekinder, die von ihren leiblichen Eltern misshandelt wurden, immer wieder oder sehr oft zu diesen zurück möchten, was zunächst einmal für BeobachterInnen nicht zu verstehen ist.

 

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