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Den Einstich merkt man kaum, und dann erlahmen die Hautmuskeln und das Gesicht ist faltenlos glatt. Mittlerweile wissen sogar Kinder, was Botox-Spritzen sind, und den Herstellern bescheren sie weltweit einen Jahresumsatz von über zwei Milliarden Dollar. Doch Wissenschaftler warnen: Der beliebte kosmetische Eingriff lähmt offenbar auch das Mitgefühl.

Denn schon Charles Darwin wusste, dass unsere Emotionen stark vom eigenen Gesichtsausdruck abhängen. Fällt dieser aus, werden wir beispielsweise weniger wütend oder fröhlich, als es der Situation angepasst wäre. In Studien zeigten Menschen kaum noch Aktivität in den emotionalen Hirnarealen, wenn man ihnen Botox ins Gesicht gespritzt hatte. Wer keine Gefühle mehr zeigen kann, entwickelt sie auch nicht mehr.

Jenny Baumeister von der International School for Avanced Studies im italienischen Triest überlegte nun, ob sich Botox auch auf die Empathie, also die Fähigkeit zum Lesen der Gefühle unserer Mitmenschen niederschlagen könnte. Denn, so ihre Theorie, normalerweise registrieren wir beim Anderen nur, was wir auch bei uns selbst spüren.

Die Neurobiologin bat zu einem Test, in dem Männer und Frauen mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken konfrontiert wurden. Einmal kurz vor, und einmal zwei Wochen nach einer Botoxbehandlung. Jeder Proband wurde aufgefordert, die vorgelegten Mimikbilder zu beschreiben und gemäß ihrer Gefühlslage einzuordnen. Dabei zeigte sich: Die Botox-Probanden konnten zwar noch die Gefühle von Gesichtern mit starker Mimik einschätzen. "Doch für feinere Veränderungen zeigten sie kein Gespür mehr", berichtet Jenny Baumeister. Egal, ob ein sachtes Grinsen, ein skeptisches Stirnrunzeln oder ein dezent verkniffener Mund - es ging an ihnen komplett vorbei. Für die alltägliche Kommunikation sei das, wie Baumeister warnt, "ein erhebliches Hindernis". Denn wenn jemand lauthals lacht, merken das sofort alle. Doch wenn er nur dezent lächelt, setzt er auf die feinsinnigeren Interpretationskräfte seines Gegenübers - und wenn die dann fehlen und die erwartete Reaktion ausbleibt, ist er irritiert; oder sogar wütend, weil er sich ignoriert fühlt.

Die Botoxinjektionen lähmen zudem nicht nur die Fähigkeit, die Gefühle in Gesichtern zu lesen. Sie schlagen offenbar, wie man an der University of Wisconsin-Madison ermittelt hat, generell auf das Gespür für negative Stimmungen. Die US-Forscher ließen 41 junge Frauen jeweils 20 ärgerliche, traurige und glückliche Aussagen lesen, einmal ohne und einmal mit vorheriger Botox-Behandlung. (...) Sobald sie einen Satz gelesen und verstanden hatten, sollten die Probandinnen eine Taste drücken.

Sie brauchten nach den Botox-Injektionen etwa eine Sekunde länger, um ärgerliche und traurige Texte verstehen zu können. Das könne durchaus ausreichen, erläutert Studienleiter David Havas, um bestimmte emotionale Situationen gar nicht erst mitzubekommen. Botox dürfte also das Risiko erhöhen, dass man in einen Fettnapf tritt und unpassende Bemerkungen abgibt.

Immerhin: Das Verständnis für glückliche Botschaften wird Havas zufolge nicht beeinträchtigt. Botox-Anwender sehen also trotz ihrer Empathiedefizite durchaus noch das Gute im Leben. Möglich, dass sie sogar glücklicher sind als die konservativen Faltenträger.
(Quelle: KStA, 26.05.16, von Jörg Zittlau)

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