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Ich weiß von einer Mutter und ihrer Tochter, die in der S-Bahn nebeneinandersaßen und sich erst nach 15 Minuten erkannten und begrüßten. Schon das ist befremdlich. Wenn aber kleine Kinder von ihrer Begleitung permanent ignoriert werden, ist das besonders traurig mitanzuschauen.

Die Kleinen suchen mit ihren Äußerungen nach Resonanz, nicht bei Fremden, sondern bei den vertrauten Eltern. Aber Vater oder Mutter sind auf dem Weg zur Kita nur mit ihren Handys beschäftigt oder daddeln unentwegt. Dabei sind die Kleinen zwischen vier und sieben Jahren so voller Lerneifer und Neugierde. Und später wundern sich die Eltern, wenn sich ihr Kind abwendet und verschließt. So viele Fragen gibt es, und die kleinen Ohren bekommen oft nur ein ungeduldiges "Sei doch endlich still" oder "Quengle nicht so" zu hören. Dabei zieht draußen vor der Fensterscheibe die ganze Stadt vorbei mit anderen Zügen, erleuchteten Wohnzimmern, Bäumen, Brücken, schnellen Autos und Hunden. Man muss einfach nur Mitstaunen, die Kinderbrille aufsetzen oder wenigstens ein bisschen zugewandt sein.

"Wo ist der Triebwagen?", "Wohin fährt der Zug dort?", "Ist das ein Schlafwagen?", "Kann man darin wirklich schlafen?", "Bekommt man da was zu essen", fragte letztens ein etwa Fünfjähriger am Bahnhof Lichtenberg unentwegt. Und er fügte hinzu. "Oh, wie gern möchte ich mal mit einem Schlafwagen fahren." Seine Mutter blieb stumm, ihre Hände flink uber den Bildschirm. Sie reagierte nicht, als wenn der Junge nicht zu ihr gehören würde, als wenn er Luft wäre. Schließlich ließ er das Fragen, schaute aber immer noch ganz fasziniert aus dem Fenster. Und plötzlich zischte er kaum hörbar zwischen seinen Lippen hervor: "Ich suche mir eine andere Mama".
(Quelle: Berliner Zeitung, von Annett Otto, 27.01.2017) 

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