ab 14.06.2017

"Wir wollen keine ungewollten Mädchen“

In Indien nennen Eltern ihre Töchter »Nakusa« – »ungewollt« –, um den Göttern zu zeigen, dass sie sich einen Sohn wünschen. Eine Organisation stemmt sich gegen die Diskriminierung. Weil indische Eltern männliche Nachkommen favorisieren, leben in dem Land heute fast 30 Millionen mehr Männer als Frauen. Mädchen werden häufig abgetrieben, vernachlässigt oder sogar getötet.

Ein paar Frauen gehen barfuß durch das indische Dorf Narafdev und balancieren Körbe aus Bast auf ihren Köpfen. Die bunten Saris der Frauen wellen sich um ihre Beine, Armreifen klimpern an ihren Handgelenken, neugierig beobachten sie, was bei ihren Nachbarn los ist. Aishwarya breitet Bastmatten auf dem Lehmboden im kühlen, dunklen Haus aus. Ihre Mutter, orangefarbener Sari, Nasenpiercing, rotes Bindi - das dritte Auge - auf der Stirn, kocht für den Gast Tee über dem offenen Feuer. Sozialarbeiterin Samindra Bapusaheb Jadhav ist aus der Stadt zu Besuch in dem kleinen Bergdorf. Sie will nachsehen, wie es Aishwarya so geht.

Das Dorf Narafdev hat 509 Bewohner. Es liegt hoch auf einem Berg, 250 Kilometer von Mumbai, der Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra, entfernt. Aishwarya ist 13 Jahre alt, nervös fummelt sie an ihrem Schülerausweis. Sie zieht an seinem Band, das ihr um den Hals liegt, mal nach links, mal nach rechts. Barfuß, schwarze Hose, schwarzer Pferdeschwanz, pinkfarbene Kurta - die knielange traditionelle, indische Oberbekleidung - ein Schal liegt ihr lose über den Schultern.

Auf ihrem Ausweis steht ihr neuer Name. Aishwarya bedeutet ihr alles. Er ist nicht nur Teil ihrer Identität, er ist ihre Legitimation. Den Namen, den ihre Mutter ihr gab, als sie auf die Welt kam, hat sie nicht gemocht. Er zeigte ihr wieder und wieder, dass ihre Eltern sie nicht wollten. Dass sie es besser hätten, wenn sie nie geboren worden wäre. Dass sie sich einen Jungen wünschten und kein Mädchen. Deshalb nannten sie ihre Tochter »Nakusa« - »ungewollt«.

Weil indische Eltern männliche Nachkommen favorisieren, leben in dem Land heute fast 30 Millionen mehr Männer als Frauen. Mädchen werden häufig abgetrieben, vernachlässigt oder sogar getötet. Der Name »Nakusa« ist eine der offensichtlichsten Diskriminierungen von Töchtern. Doch einige Organisationen haben den Kampf gegen die Ungerechtigkeit aufgenommen. (Quelle: Perspective Daily, Gastautorin Eva Lindner/ Reportage, vom 13.07.2017)

 

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